Anstrengendes Schauspiel „Mobbing“ im Nienburger Theater
Es beginnt mit einer Dia-Schau.
Gezeigt werden Familienbilder aus vergangenen, glücklichen Tagen.
Auf der Bühne sind mehrere Zink-Eimer platziert.
Im vorderen Teil steht ein Miniatur-Reh, im hinteren Teil sitzt Cellist Patrick Cybinski in einem Glaskasten.
Eine Wäscheleine mit Laken ist quer über die Bühne gespannt.
Zunächst ist der Cello-Spieler noch nicht zu sehen, bis Gilla Cremer auf die Bühne schreitet und das Schauspiel beginnt.
Später sollen noch etliche Plastikblumen das Bild schmücken.
Gezeigt wurde am Freitagabend (04.02.2011) das Stück „Mobbing“ von Annette Pehnt.
Um ein Fazit vorwegzunehmen:
Es war eine anstrengende Inszenierung, einige Gäste verließen den Zuschauerraum.
In eineinhalb Stunden ohne Pause präsentierte Gilla Cremer einen Monolog.
Innerhalb dieses Monologes wurden Dialoge mit ihrem Mann Joachim, kurz Jo, eingefügt.
Es ging um das Thema Mobbing.
Patrick Cybinski personifizierte den Ehemann, fungierte allerdings insbesondere als Stimmungsmacher, indem er brisante Situation musikalisch sehr gekonnt untermalte.
Die Leistung Gilla Cremers war beeindruckend. Einen 90-minütigen Monolog lernt man sicherlich nicht an zwei, drei Tagen auswendig, was jedoch die Inszenierung so anstrengend machte, waren die zähen, bisweilen langatmigen Sequenzen.
Es entstand der Eindruck, als wäre die Aufführung von Mattigkeit überstülpt.
Gilla Cremer gab sich wahrlich Mühe, unbestritten, doch hätte es als „echtes" Zwei-Personen-Stück nicht besser funktioniert? Inhaltlich ging es darum, dass Jo seine Arbeit verliert.
Er wird von seinen Kollegen und von seiner Chefin gemobbt.
Stichworte wie Demütigung, Erniedrigung und Lügen fallen, der Zerfall eines Menschen und die Destruktion einer Beziehung sind die Folgen.
Die Konfrontation mit den Arbeitskollegen wird als Kampf bezeichnet, das Lebensglück geht Stück für Stück verloren, auch die Geburt des zweiten Kindes wirkt nicht stimmungsaufhellend bei Jo.
„Hartz 4, das klingt so atemberaubend, manchmal müssen wir auch lachen", sagt Sie. Ihre Freunde entgegnen: „Hauptsache, ihr seid gesund."
Selbstbetrug und die verblendete Wahrnehmung der Lebensrealitäten münden nach und nach in einer Desillusionierung.
Jo bekommt nach dem Arbeitsgerichtsprozess seinen Job zurück, doch er darf nur völlig sinnlose Arbeiten verrichten - von allen abgeschottet.
Für einen Moment ist ein Fünkchen Hoffnung zu erkennen, doch am Ende siegt die Erkenntnis, dass nichts mehr so ist, wie es einmal war.
Gilla Cremer versuchte redlich, dem Stück das notwendige Profil zu geben.
Etwas mehr Charisma wäre wünschenswert gewesen.
Die sprachliche Leistung der Schauspielerin war bemerkenswert, das Cello-Spiel von Patrick Cybinski passend und sehr gut.
Die rund 320 Zuschauer würdigten die Aufführung mit einem prasselnden Schlussbeifall.
Michael Duensing
Quelle: Die Harke